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Das weiße Krokodil
Ich wurde 1951 im Wallfahrtsort Altötting geboren. Zu einem Wallfahrtsort pilgert man, daher ging ich auf Reisen, um in der Ferne die Sehnsucht nach der Heimat zu spüren. Kaum hatte ich den Motorradführerschein, fuhr ich auf einer MZ nach Marokko. Dort draußen sehnte ich mich nach der Heimat, und kaum war ich heim gekommen, musste ich wieder fort, irgend ein abenteuerliches Ziel fand sich immer. Einmal durchquerte ich mit einem Kamel die Sahara, ein anderes mal pilgerte ich zu den Quellen des Ganges. Im viertausend Meter hoch gelegenen Gletschertopf des heiligen Flusses, den die Hindus Mutter der Erde nennen schwammen leuchtend blaue Eisschollen. Ein Fakir, mit dem ich einige Tage wanderte, erzählte mir, wie Ganga, die Tochter des Himalaya, auf die Erde kam, und dass Shiva den ungestümen Fluss in seiner Haarkrone auffing und so die Erde davor bewahrte, auseinander zu brechen. Jede Pilgerreise zu diesem einsamen Platz im Gebirge verkürzt die Zahl der Widergeburten, und ein Bad in den Gangesquellen wäscht die Sünden von drei vergangenen Leben ab. Eine geringe Anstrengung für solch einen Preis, empfand ich, als ich mich auf einem Eisfeld nackend auszog und drei Mal im heiligen Wasser untertauchte. Nach drei Monaten kehrte ich zurück, anscheinend bedürfnislos, ein Platz für seine Strohmatte genügte mir, ich nahm jede Arbeit an, wenn ich nur genug für die nächste Reise verdiente, diesmal nach Sumatra, eine Insel in Indonesien, die auch Ring des Feuers genannt wird. Hier wollte ich den Fluss Sungai Alas, möglichst von der Quelle zur Mündung ins Meer, in einem aufblasbaren Paddelboot, das ich in einem riesigen Rucksack mitschleppte, befahren. Ich träumte davon, das mystische weiße Krokodil zu finden. Diesem Krokodil wurde einmal im Jahr, jeweils in der ersten Vollmondnacht, eine Jungfrau geopfert, die sich selbst in ein Krokodil verwandelte und das Dorf beschützte.
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Heimat
Als ich älter wurde, kaufte ich mir ein Häuschen, das mich wie ein Anker zu Hause festhalten sollte. Nach ein paar Jahren war die Kette durch gerostet, es zog mich weiter, in ein Haus aus dem 16. Jahrhundert, in dem es keinen einzigen rechten Winkel gab. Unbemerkt hatte ich mich meinem Geburtsort, dem Wallfahrtsort Altötting, genähert. Weiter zurück in den Mutterleib ging es nicht mehr. Vielleicht, vermutete ich, könnte die Heimat ganz wo anders liegen, weit weg von dem Ort meiner Geburt, und so entschied ich mich für ein Dorf in Mecklenburg, in dem mehr Hühner als Menschen leben. Meine Frau war aus dem Norden zu mir in den Süden gekommen, aber da war nur mein Leben. Ein Leben zu Zweit, das erst im Alter beginnt, verlangt nach einem Ort, den keiner von Beiden kennt, den man gemeinsam schafft und zur gemeinsamen Heimat macht. Klein Markow war so ein Ort, und dieser Ort, den keiner von uns beiden kannte, besaß den weiten Blick, das gab den Ausschlag.
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Nun war ich also in Mecklenburg gestrandet,
fast schon in Vorpommern, aber nur fast. Dort saß ich auf dem Pferd, das viel zu groß unter diesem unendlichen Himmel stand. Es war ein tiefer Himmel, so tief, dass der Kopf des Pferdes gleich in den Wolken verschwinden würde. Marek, mein kunstsinniger Ziegenbock, passte genau, er war nicht zu groß und nicht zu klein. Die Katze, die seit fünfzehn Jahren in meinem Haushalt lebte, länger als irgendjemand sonst, und die mir von Bayern in den wilden Osten gefolgt war, hatte keinen Durst, und ich kein Heimweh, ich war endlich angekommen. Alle in der Ausstellung gezeigten Bilder entstanden in Spaziergangsweite rund um Klein Markow, und bei manchen Bildern hat man das Gefühl, ich kralle mich in der Mecklenburgischen Erde fest, um diese neue, ungewohnte Heimat nicht wieder zu verlieren. Langweilig ist es nicht in den Feldern und Wäldern rund um Klein-Markow. Die Airforce One mit Präsident Bush an Bord fliegt durch ein Bild, und zwei gerupfte Enten liegen, innig verbunden beieinander. Manchmal bringe ich etwas von meinen Ausflügen mit nach Hause, und heitere die Landschaft rund um Klein Markow damit an. Etwa ein Götterbild von Maya. Die hinduistische Gottheit der Illusion reitet auf einem Tiger durch ein Weizenfeld, und vom Besuch einer Ausstellung im Kraftwerk Peenemünde kommt die Raumkugel Solcamara des Weltraumphantasten Janke mit und findet ihren Platz ganz nahe, wo man von der Kastanienallee weit über die Felder blickt. Lediglich für mein Bild von der Peene, dem Amazonas des Nordens, wurde ich in der Gegend um Klein Markow nicht fündig. Zwei Krokodile und eine Riesenschlange grub ich aus meinem Archiv aus, ich hatte sie während einer Expedition auf dem richtigen Amazonas fotografiert.
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