Kulturjournal NDR

Beitrag im NDR1 Kulturjournal am 7. Mai 2008 von Lenore Lötsch

Ein Gangesbefahrer, Bootskonstrukteur, ein in Bayern geborener Abenteurer siedelt im Mecklenburgischen Klein Markow. Da, wo mehr Schwalben und mehr Rapsfelder als Menschen über die Landschaft verteilt sind, da wo die Idylle einsam ist. Im Osten, das hatte jemand zu Franz Riegel gesagt, leben die armen Leute, die Künstler und die Umstürzler.

Das war perfekt. Das hat genau für mich gepasst.

Seit 2004 lebt Franz Riegel in Klein Markow bei Teterow, im wilden Osten, wie er sagt. Das heruntergekommene ehemalige Inspektorenhäuschen ist heute ein weiß geschlämmtes Kleinod, und die Hecke davor verrät den vorsichtig rebellischen Geist. Statt akkurater Kanten gibt es hier sanfte Mecklenburger Wellen.
Sein Geld verdient der 57jährige als Werbefachmann, daneben schreibt er Geschichten und entwirft fotografische Bilder. Ja, er sei ein Künstler, der sich die Berufsbezeichnung „Pixelmaler“ selbst gesucht hat. Das Thema des neuen Mecklenburgers ist ein nahe Liegendes:

Bei mir geht es um die Heimat. Ich habe die Heimat eher als Mangel erlebt. Ich war mein ganzes Leben unterwegs, als Abenteurer und Journalist, und habe versucht, genau hinzusehen. Als ich dann nach Klein Markow ging, habe ich es genauso gemacht. Das war meine spannendste und auch die gefährlichste Reise, es hätte schief gehen können.

Dass es nicht schief ging, kann man erleben, wenn die skurrilen Typen, die in Franz Riegels Geschichten auftauchen, plötzlich im Garten auf dem Klappstuhl ganz real hinter einem sitzen. Riegel schreibt über Butterpreiserhöhung und die Airforce One, die über Klein Markow kreist, und gewinnt damit schon mal den Schweriner Schreibwettbewerb, wie im letzten Jahr. Auf seinen Fotos tragen Kühe indische Schriftzeichen auf der Stirn, manchmal ist das Kleine in den Bildern und Geschichten von Franz Riegel ganz groß. Manchmal ist das scheinbar Reale erdacht, und nie weiß der Zuhörer, wo beginnt die Wirklichkeit. Riegel ist Künstler ohne wehenden weißen Schal, und dass seine Hände zupacken können, hat ihm schon bei Umbau seines Hauses im Dorf Respekt eingetragen.

Am Anfang waren die Leute eher verhalten, aber freundlich. Dann haben sie gesehen, dass ich von morgens bis abends geschuftet habe. Mir war das ganz wichtig, weil ich wusste, ich muss im Dreck wühlen, das ist meine einzige Chance. Wenn ich hier angekommen wäre, in diesem wilden Landesteil, und hätte ein fertiges Haus vorgefunden, das hätte ich nicht verkraftet.

Aber Eines, das nervt schon an der einsamen Idylle.

Manchmal fehlt mir die Auseinandersetzung. Dann weiß ich nicht genau, wo ich stehe, weder mit meinen Texten noch mit meinen Bildern. Manchmal fühle ich mich wie der größte Künstler in ganz Mecklenburg, und wenn ich etwas fertig habe, und das lese, dann bin ich so happy, dann fühle ich mich so glücklich. Und dann kann es passieren, dass ich am nächsten Tag davor stehe und denke: was machst du hier überhaupt? Was ist mit deinem Kopf los?

Aber schon rückt er den Strohhut wieder gerade, lächelt verschmitzt, und ist sich seiner Sache als Künstler in diesem Moment wieder ganz sicher:

Spielen, albern sein, und Dilettant sein. Das ist es.


Beitrag im NDR1 Kulturjournal am 7. Mai 2008 von Lenore Lötsch




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