Die Milch bin ich!
Plakt, gedruckt auf aufgetrennter Michtüte


milk, milk, milk - Laudatio von Dr. Brigitte Arend

Haben Sie sich schon einmal mit Kühen beschäftigt?
Möglicherweise fragen Sie zurück: WOZU?
Vielleicht, um etwas Neues zu sehen, Bekanntes einmal anders zu erleben, um zu staunen, um zu lachen.
Und weil sich Franz Riegel im Frühjahr 2008 seiner Region mit ihren Kühen widmet und der Milch.

Franz Riegel lebt in der Mecklenburgischen Schweiz. Informationen, die der Lebensort oder seine Wahlheimat ihm darbietet, sei es ein Zeitungsbericht über den Kampf der Milchbauern um angemessene Preise, sei es das Gewahrwerden einer Kuhherde auf der Weide am Rande seines Dorfes, löst einen Synapsensturm in seinem Gehirn aus: Bekanntes verbindet sich mit passenden und mit unpassenden Informationen.



Die Heimat als Kraftfutter für Riegels Synapsen

Was er sieht und hört entwickelt sich traumhaft-assoziativ weiter, beginnt ein eigenes Innenleben und ein verändertes Äußeres anzunehmen, geht Koalitionen mit anderen Bildern und Geschichten ein, wird zum Eigenen, zum Phantastischen Blick. Dieser phantastische Blick, über den der Betrachter stolpert- und stolpern soll, wird über die Jahre in seinem Beruf, der Werbung, geschärft und weiter entwickelt - manchmal auch als trotziges Gegenprogramm zu eher konservativen Auftraggebern. In den letzten Jahren ermöglichen technische Weiterentwicklungen aber auch seine jahrelange handwerklich-technische Erfahrung die Entstehung neuer Digitaler Kunst. Eigene Fotografien werden als Bilddateien gespeichert und nachträglich manipuliert, verfremdet, neu zusammengesetzt und komponiert oder zu Bildern alter Meister in Beziehung gesetzt sowie anschließend auf verschiedene Untergründe gedruckt und schließlich als Bild oder als Objekt weiterverarbeitet.



Thea
18/1 Bogen 356 x 252 cm Kleisterpapier

milk, milk, milk

In der hier gezeigten Serie milk, milk, milk werden wir damit konfrontiert, dass ein Lebensmittel zur Ware verkommt, die billig sein soll, zu einer Ware, deren Produktionsbedingungen uns egal sind. Milch und Kuh gehören nicht mehr zusammen. Milch kommt als Industrieware aus dem Supermarkt. Franz Riegel bringt die Kuh wieder ins Spiel und zeigt, dass sie es ist, die die Milch hergibt: Le Lait c’est moi – Die Milch bin ich! Er entwickelt aus seinen Porträtfotografien von Kühen Bilder, die das Unverwechselbare, den Charakter der Kühe, ihr Gesicht, also ihre Individualität herausarbeiten. Er zeigt diese komponierten Portraits teilweise in großen Formaten, und ermöglicht es dem Betrachter so, diesen Tieren sehr nahe zu kommen, ihnen in die Augen zu schauen. Aber er löst sie auch aus dem gewohnten Kontext und zeigt sie ver-rückt - etwa im Spiegelsaal von Versailles, als Lolita im Neonlicht oder als traurige Kuh, die sich Schweinsteiger nennt.



Weltmeister 2008

Milchtüten

Daneben zeigt er Objekte, die an Industrieware erinnern. Franz Riegels Milchtüten aber sind verblüffend anders. Sie verwirren, sind surreal. Sie zeigen die Wirklichkeit hinter der sichtbaren Wirklichkeit. Er versieht die Tetra Pack- Milchtüte mit dem Porträt der Kuh, die die Milch hergegeben hat und rekonstruiert damit unsere Beziehung zum Lebensmittel. Er ersetzt die gemalte Idylle der Alditüte durch ein neues, irritierendes Bild, etwa, wenn er die Milchtüte mit einem überdimensionalen Euter bedruckt. Die Sache hat plötzlich vier Seiten – man kann sie drehen und wenden, wie man will, was neue Assoziationen auslöst, vielleicht diese: Milchquote – Wettbewerb – Meisterschaft – Globalität – deutscher Meister. Die Fußballkühe spielen in der obersten Liga –für 40 Cent?



L’ art c’ est moi!

Die Kuh in Franz Riegels milk, milk, milk - Serie hat Würde. Sie legt sich zu Füßen des Sonnenkönigs, umgeben von Goldtressen, Hermelinumhängen und Höflingen. Aber sie hat keine Chance: Der Monarch, der Sonnenkönig von heute, die kapitalistische Warenwirtschaft, ist stärker: LEtat c’est moi! Die Kuh geht unter, man sieht sie kaum, das Dekorative, die Symbole für Reichtum und Verfügbarkeit fallen stärker ins Auge. Nur für einen Moment – im Kontrast zum blank geputzten Spiegelsaal in Versailles - wird sie gesehen. Die Höflinge wollen die Milch trinken, aber nicht an die Kuh denken. Ware sollte sauber sein, uns nicht mit verpflichtenden Assoziationen belästigen. Die Kuh verlässt den Spiegelsaal, schleicht sich auf die Milchtüte und blickt den Betrachter an: empört, verletzt, grinsend, ängstlich oder mit einem Augenzwinkern…. L’ art c’ est moi!

Dr. Brigitte Arend



Ausstellungskatalog